Wochenrückblick (KW53)

So, das Jahr ist zu Ende und ich möchte in diesem Rückblick eigentlich nur ein kurzes Resumé ziehen, in welchem ich die Stationen meines eigenen 2020 reflektiere. Zur Woche an sich gibt es nicht viel zu sagen, außer, dass mir wieder klar wurde, dass ich aufhören muss, mich für das Glück und das Wohlbefinden aller Anderen in der Bringschuld zu sehen und mich auf mich und die Menschen konzentrieren muss, die mir gut tun.

Zum Jahr:

Zu Beginn des Jahres dachte ich noch mein Leben macht einfach gar keinen Sinn mehr und der Aufenthalt im Krankenhaus hat mir gezeigt, dass das Leben an sich auch sehr vergänglich sein kann. Nachdem ich dann in meinem ersten Klinikaufenthalt in Prien schon die ersten erfolge feiern konnte und auch wieder neuen Mut geschöpft hatte, um die Aufgaben, die das leben für mich bereithält, zu meistern, kam ein kleines Wesen, welches mir und uns Allen für das restliche Jahr das leben schwer gemacht hat und auch noch in Zukunft schwer machen wird. Corona hat meinen ersten Klinikaufenthalt verkürzt und dafür gesorgt, dass ich in einer instabilen Form wieder in das normale Leben zurückgekehrt bin. So sehr ich mir auch gewünscht habe, dass es bei diesem ersten Aufenthalt bleibt und ich nie wieder in eine Klinik muss um an meiner Essstörung zu arbeiten, so ängstlich war ich auch vor den Aufgaben und den Problemen des wahren Lebens in einer Zeit, in der ich mit noch mehr Einsamkeit umgehen muss als bisher. Die Befürchtungen, die ich hatte, als ich entlassen wurde wurden dann leider auch bestätigt und ich hatte recht bald einen schweren Rückfall in meine Symptomatik. Bitte versteht mich nicht falsch, ich mache weder Corona, noch mein Umfeld dafür verantwortlich, dass ich dort stehe, wo ich gerade bin, aber geholfen hat das Ganze auch nicht.

Nach ein paar Monaten zu Hause und bei meiner Mutter habe ich mich also dazu entschieden, das Ende des Jahres, sozusagen, in einer Psychosomatischen Klinik ausklingen zu lassen. Ich wurde in der Schwesterklinik in Rosenheim im Oktober aufgenommen und der Prozess begann erneut. Ich nahm zu, arbeitete an meinen darunterliegenden Problemen und beschäftigte mich viel mit mir selbst, dem Knüpfen sozialer Kontakte, meinen Sorgen und meinen Nöten.

Nach, nun mehr, 11 Wochen in diesem Setting und unter den Corona-Umständen merke ich jedoch auch immer mehr, dass es einige Punkte gibt, die es mir hier schwer machen, noch sehr viel weiter voran zu kommen in meiner Therapie. Zwar sind sowohl die Therapeuten, die Co-Therapie und die Mitpatienten in den meisten Fällen durchaus ambitioniert und fähig, jedoch entsteht auch unter einer Gruppe vermeidlich Erwachsener nach so langer Zeit ein Effekt, den ich sonst nur aus dem Schullandheim kenne. Es werden Dinge erzählt, Gerüchte verbreitet und man ergötzt sich an dem Leid oder der Unfähigkeit anderer nur um von seiner eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. Dieses Verhalten und diese Entwicklung ist aber eine, die in jeder Gruppe entstehen wird, wenn diese nur lange genug untrennbar aufeinander sitzt. Ich mache hier auch niemanden dafür verantwortlich und kann auch mich nicht komplett von jeder Schuld freisprechen, für meinen Therapieerfolg sehe ich aber auch einige Gefahren dadurch, noch sehr viel länger hier zu bleiben.

Zum Ende des Jahres kann ich jedoch sagen, dass ich sowohl dem Team hier, als auch den Mitpatient*innen sehr dankbar dafür bin, dass sie mich hier so unterstützt haben und ich auch den Platz so schnell bekommen habe. Nur durch diesen 2. Aufenthalt sehe ich eine Chance, dass ich langfristig mit dem Thema Essstörung abschließen kann oder lerne damit zu leben. Ich habe sowohl hier als auch in Prien zu Beginn des Jahres wundervolle Menschen kennengelernt, die mich auch noch für lange Zeit in meinem Leben begleiten und unterstützen werden. Diese Erfahrungen, die ich hier machen kann, bestärken mich von Tag zu Tag immer mehr, dass es sich einfach lohnt einem gesunden und normalen Leben entgegenzustreben.

Außerdem möchte ich auch an dieser Stelle noch meiner Familie, meiner Arbeit und meinen Kollegen danken, dass diese mir im letzten Jahr immer zur Seite standen und mich nicht fallen haben lassen. Diese Unterstützung hat mir gezeigt, was wirkliche Wertschätzung eigentlich bedeutet und wie gut sich das anfühlen kann.

Soviel nun zu mir und meinem Jahr 2020. Dieses Jahr hatte für uns Alle so einige Überraschungen parat und hat uns , als Bevölkerung, gezeigt, wie sehr die Gesellschaft eingeschränkt werden kann und immer noch halbwegs gut funktioniert. Mir ist klar, dass sowohl der Jahreswechsel als auch der Impfbeginn in Deutschland erstmal nicht so viel an der Situation ändern wird, jedoch hoffe ich, dass die Menschen zum Jahresbeginn in der Lage sind, neuen Mut zu schöpfen um diesem Virus auch noch in den nächsten Monaten entgegen zu treten und der aussichtslosen Lage auf diesem Planeten Herr zu werden. Nur zusammen werden wir in der Lage sein, die nächste Zeit zu meistern und am Ende ohne, zu große, bleibende Schäden aus dieser Pandemie zu entkommen.

Ich werde auch im neuen Jahr diesen Blog weiterführen und werde euch weiter über mein Leben und das Drumherum berichten. An dieser Stelle möchte ich mich dann auch bei allen meinen Lesern bedanken, die meine Entwicklung über diese Seite verfolgen. Danke für euer Feedback und eure Treue. Danke einfach, dass es euch gibt.

Nachdem ich mich jetzt genug bedankt habe bleibt mir nichts Anderes, als euch Allen ein frohes 2021 zu wünschen, mögen alle eure Wünsche und Träume in Erfüllung gehen und ich hoffe, dass wir Alle auch in diesem Jahr gesund und achtsam bleiben.

Und für die Datenliebhaber:

  • Anfangsgewicht vor Aufenthalt: 59,6 KG
  • Momentangewicht: 76,1
  • BMI: 22,5
  • Zielgewicht: Klinik 71 KG (Persönlich: 85 KG)
  • Ziel-BMI: Klinik 21 (Persönlich: 25,1)

Bis demnächst, euer Martin

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