Wochenrückblick (KW50)

Eine weitere Thearpiewoche im Klinikum geht zu Ende und auch diese Woche konnte ich einige Erfolge, aber auch Misserfolge verbuchen. Die Erfolge lagen vor Allem darin, dass ich einige „verbotene“ Lebensmittel seit langem wieder versucht habe und gemerkt habe, dass diese mich nicht direkt zu einem schlechteren, fetteren oder wertlosen Menschen machen. Weiterhin konnte ich in der Lehrküche meine Freude am Kochen wiederfinden und für mich realisieren, dass mir diese Beschäftigung in den letzten Jahren von meiner Krankheit genommen wurde und ich das auf jeden Fall wieder in mein Leben einbauen möchte. Außerdem konnte ich gut beginnen mit meiner neuen Therapeutin zu arbeiten und bin mir ziemlich sicher, auch mit ihr weiter auf meiner bisherigen Arbeit aufzubauen.

Auf der anderen Seite stehen die Misserfolge oder auch Rückschläge, welche ich diese Woche erneut hart zu spüren bekommen habe. Mir ist im Zuge eines Gesprächs und eines sozialen Feedbacks in der Gruppentherapie ein Fakt erneut klar geworden, welcher mir schon seit einiger Zeit im Kopf herumgeistert und welcher nun beginnt sich immer mehr in der normalen Welt zu manifestieren. Dabei geht es vor Allem um meine generelle Persönlichkeit und wie ich mit dieser in meiner Umwelt ankomme. Zu Beginn komme ich mit meiner aktuellen Persönlichkeit in den meisten Gruppen ganz gut an, jedoch wirke ich nach kurzer Zeit schon wie ein kleines Kind, welches sich um Aufmerksamkeit bemüht. Zu diesem Zeitpunkt beginnt auch das Problem, dass sich die Menschen von mir zurückziehen, da sie sich verantwortlich für mein Wohlbefinden sehen. Nun beginnt auch der Teufelskreis erneut, in welchem ich mich die meiste Zeit meines Lebens befunden habe. Durch den Rückzug der anderen beginne auch ich mich wieder in meine emotionale und gedankliche Festung zurückzuziehen. Dort bin ich, wie immer, allein und einsam, das kann ich auch nicht schönreden. Wenn ich einmal in meiner Festung angekommen bin, ist es für mich jedes Mal erneut eine Mammut-Aufgabe mich an meinen eigenen, nicht vorhandenen, Haaren aus dieser zu ziehen, um mich wieder einer Gruppe anzunähern. Dieser Akt des Herausziehens wird von Mal zu Mal schwerer und aufgrund meines Wahnsinns erwarte ich doch glatt, dass sich beim nächsten Mal etwas ändert, obwohl ich selbst nichts verändert habe. Das kann nicht funktionieren und ich muss mir einfach langsam eingestehen, dass meine aktuelle Persönlichkeit einfach nicht liebenswert ist und ich diese in den nächsten Monaten, bzw. Jahren umformen muss, um von meinem Umfeld akzeptiert zu werden. Bis dahin werde ich noch einige, weitere Rückschläge und Tiefpunkte erleben. Hier kann ich jedoch lernen, auf diese, ohne meine Essstörung zu reagieren. Nur dazu bin ich momentan hier und nicht um Freunde fürs Leben zu finden. Hier kann ich versuchen die ersten Schritte auf dem Weg zu einer neuen, besseren, Persönlichkeit zu beschreiten. Es wartet, auf jeden Fall, viel Arbeit auf mich und das Jahr 2021 wird für mich alles andere als einfach werden. Ich hoffe zwar, dass ich im kommenden Jahr nicht mehr, auch noch, die ganze Zeit von diesem … Virus begleitet werde, dass sollte mich aber auch nicht daran hindern, mich weiter zu entwickeln und letztendlich entweder die Person zu werden, welche ich mir seit Jahren ersehne zu sein, oder aber den Kampf irgendwann endgültig aufzugeben. Noch kann ich nicht sagen was das Ende meiner Reise sein wird, jedoch merke ich von Tag zu Tag mehr, dass diese Reise eine sehr beschwerliche wird und ich noch nicht das komplette Rüstzeug besitze, unbeschadet zum Ziel zu kommen. Durch die Therapie hier und meine neu gewonnenen Freunde baue ich mir aber auch schon hier ein Transportmittel zusammen, welches mich einfacher und sicherer auf meinem Weg begleiten wird.

Wenn ich durch diese Woche eins, am Ende, gelernt habe, dann ist es die Tatsache, dass meine Person an sich eigentlich schon liebenswert wäre, wenn ich ein paar kleinere Justierungen vornehme. Ich werde mich in diesem Leben nicht mehr komplett verbiegen lassen, dazu mag ich die Person, die ich nach und nach werde, viel zu sehr und kann mich viel zu gut mit diesem Menschen identifizieren. Es wird immer Rückschläge geben und auch Menschen, die mich nicht so akzeptieren oder leiden können, da kann ich aber dann auch nur eins zu sagen: Ich muss nicht jedem gefallen und auch nicht umgekehrt. Wenn ich merke, eine Person tut mir nicht gut, dann werde ich mich von dieser in Zukunft fernhalten und nicht mehr meine Welt nach dieser einen, meist irrelevanten, Person ausrichten. Nur so kann ich in Zukunft das Glück finden, welches ich verdiene und ich habe es mir in den letzten Jahren redlich verdient endlich wirklich glücklich zu sein.

Liebe Grüße, bleibt achtsam und gesund, meine Freunde und bis in 7 Tagen.

Euer Martin

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