Wochenrückblick (KW49)

Eine weitere Woche erfolgreicher Therapie neigt sich dem Ende und auch in dieser Woche konnte ich fortschritte verbuchen, wenn es um die Essstörung und vor Allem den Ursachen von Selbiger geht. Ich denke nun, dass ich für mich herausgefunden habe, warum ich, ab einem gewissen Punkt in meinem Leben, damit begonnen habe mich, erst immer mehr und dann nahezu komplett sozial zu isolieren. Bisher war ich der Meinung, dass meine Einsamkeit der erste Ursprung ist und ich dort anfangen muss mit meiner Arbeit, jedoch, so denke ich, hat die Einsamkeit auch einen Ursprung, an welchem ich beginnen kann zu arbeiten. Hierzu muss ich ein wenig weiter ausholen.

Schon in meinem Jugendalter hatte ich häufig das Gefühl für die Leiden und die negativen Gefühle Anderer verantwortlich, bzw. an diesen Schuld zu sein. Es machte sich also schon sehr früh ein Schuldgefühl in mir bemerkbar, wenn es Menschen um mich herum schlecht ging oder diese traurig waren. Meist ging das sogar soweit, dass mich die eigentlich traurigen Ereignisse wie Krankheiten o.Ä. nicht selbst traurig gestimmt haben, sondern die Schuld die ich an dem Ereignis mir gab oder halt einfach empfand. Nun kann ich natürlich nicht an Allem bösen Schuld sein und dieser narzisstische Teil meiner Persönlichkeit, der mich dadurch auch über alle anderen Menschen stellt war mir bisher auch nicht wirklich bekannt und bewusst, da ich ihn durch meine soziale Abgrenzung, respektive durch die Essstörung erfolgreich unterdrückt habe. Die Isolation entstand, so fühlt es sich momentan an, dadurch, dass ich versucht habe mich von meinen Freunden und meiner Familie zu entfernen um nicht am Leid dieser, mir so wichtigen, Personen “schuld” zu sein. Denn dieses Schuldgefühl ist sehr unangenehm und kann kaum positiv aufgelöst werden. Das merke ich hier immer wieder, da es hier des Öfteren mal dem Ein oder Anderen schlecht geht und ich mich dann auch sofort für diesen negativen Zustand emotional verantwortlich mache. Da ich jedoch nicht alle Probleme lösen kann und schon gar nicht alle Probleme verursacht habe, werde ich mich über kurz oder lang daran aufarbeiten. Damit mir das nicht passiert habe ich mich auch hier in der Klinik in Momenten, die mir sehr schwer gefallen sind, zurückgezogen und mich, vor Allem gedanklich, aus der Gruppe genommen und bin damit wieder in die Isolation gegangen. In den letzten tagen seit meiner Erkenntnis über diese Schuldfrage habe ich jedoch versucht das Gefühl, wenn es auftritt, auszuhalten und dem Helferinstinkt auch mal nicht standzugeben. Das fällt mir immer noch sehr schwer und ich habe auch noch keine Möglichkeit wirklich effizient mit diesen Situationen zu verfahren. Aber: “Aller Anfang ist schwer.”

Ein anderer Punkt der mir in den letzten Tagen an mir aufgefallen ist, ist jener, dass ich mich in Gruppen meist als das sogenannte fünfte Rad am Wagen sehe und ich das Gefühl empfinde, von der Gruppe gar nicht, oder als selbstverständlich wahrgenommen zu werden. In diesen Momenten reagiere ich aus Selbstschutz dann leider meist komplett falsch, da ich mich hier auch wieder gedanklich komplett isoliere und damit aber das genaue Gegenteil erreiche und ich noch weniger in die Gruppe integriert bin. Ich vergleiche das Ganze dann meist mit einer Festung, die ich in mir aufgebaut habe um mich vor dem Negativen in dieser Welt abzuschotten. Vor einiger Zeit habe ich mal den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit erklärt und auch dieses Paradigma kommt hier ins Spiel, denn wenn ich mich in meine Festung zurückziehe kann ich auch in Gruppen einsam werden. Ihr könnt euch das so vorstellen als wärt ihr auf einem Burgturm, von welchem ihr nicht herunterkommt und beobachtet eure Freunde mit einem Fernglas, wie sie Spaß haben und sich an schönen Dingen erfreuen. Ich bin also physisch durchaus nicht alleine, Jedoch bin ich gedanklich und damit auch emotional sehr weit entfernt von meinen Freunden und den anderen Menschen, so dass ich dann eben doch einsam bin. Um diese, verqueren Strukturen aufzubrechen werde ich in den nächsten Jahren noch viel Zeit und Kraft benötigen, die ich aber, auf jeden Fall, zu investieren bereit bin. Das dieser Prozess so lange dauert liegt im Großen und ganzen daran, dass ich meine innere Schutzfestung über mein ganzes Leben aufgebaut habe und dies nun sehr sicher, verworren und undurchdringlich geworden ist. Bis ich einen Weg gefunden habe diese, in den genannten Situation, verlassen zu können wird sehr schwierig und eben auch langwierig.

Mit diesen, etwas längeren, Erklärungen zu meiner Person verlasse ich euch nun für diese Woche und wünsche euch eine wundervollen 2. Advent und weiterhin eine ruhige und besinnliche Vorweihnachtszeit.

Bleibt achtsam und, vor Allem, gesund.

Und für die Datenliebhaber:

  • Anfangsgewicht vor Aufenthalt: 59,6 KG
  • Momentangewicht: 68,6 KG (Gips-Kurz)
  • BMI: 20,5 (Gips-Kurz)
  • Zielgewicht: Klinik 71 KG (Persönlich: 75 KG)
  • Ziel-BMI: Klinik 21 (Persönlich: 22,2)

Euer Martin

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